Ich hatte das Gefühl, mein Mann mischte Schlaftabletten in meinen Tee. Als er an jenem Abend das Zimmer verließ, schüttete ich ihn in den Ausguss und gab mich schlafend. Was er dann tat, ließ mir das Blut in den Adern gefrieren…
Ich lag in unserem Bett und bemühte mich, langsam und gleichmäßig zu atmen. Mein Herz pochte so wild, dass ich sicher war, Dererick müsste es hören. Durch halb geschlossene Augen beobachtete ich ihn, wie er sich im Dunkeln durch das Zimmer bewegte.
Es war 2:17 Uhr morgens. Er trug Latexhandschuhe und trug eine kleine schwarze Tasche bei sich, die ich noch nie gesehen hatte.
Drei Stunden zuvor hatte Dererick mir wie immer meinen Kamillentee gereicht. Ich lächelte, dankte ihm und wartete, bis er ins Bad gegangen war. Dann schüttete ich ihn aus, legte mich nieder und gab mich so, als hätte seine Gabe gewirkt.
Seit drei Wochen erwachte ich benommen und wirr, als käme ich nur langsam aus einer Betäubung. Immer nur dann, wenn Dererick zu Hause war. Und dann bemerkte ich unerklärliche, blasse Flecken an Armen und Beinen.
Heute Nacht wollte ich wissen, warum.
Er näherte sich dem Bett mit der Selbstverständlichkeit eines Menschen, der eine Gewohnheit ausübt. Das erschreckte mich mehr noch als die Handschuhe. Er zögerte nicht, prüfte nicht noch einmal, ob ich schlief. Er öffnete die Tasche und begann.
Zuerst stellte er eine kleine Kamera auf den Kommode und richtete sie auf mich. Ein winziges rotes Licht leuchtete auf.
Er filmte.
Dann holte er eine Schere hervor. Ich lag völlig reglos da, als er sich über mich beugte und vorsichtig ein Stück Stoff vom Saum meines Pyjamas abschnitt. Er steckte es in einen kleinen Plastikbeutel und verschloss ihn.
Meine Hände wollten sich zur Faust ballen. Ich zwang sie, locker zu bleiben.
Er legte die Schere beiseite, holte sein Handy hervor und begann, Fotos von mir zu machen. Er hob meinen Arm und rückte ihn zurecht. Klick. Er bewegte mein Bein. Klick. Er drehte meinen Kopf auf das Kissen. Klick. Er zerrte an meinem Pyjama, bis er unordentlich wirkte, und fotografierte mich noch einmal.
Ich begriff, woher die Flecken kamen – doch das hier war schlimmer. Er beobachtete mich nicht nur beim Schlafen. Er richtete mich her.
Zwanzig Minuten lang ließ ich mich von ihm wie eine Puppe bewegen, aus Angst, ein falscher Atemzug würde ihn aufwecken.
Dann legte er das Handy beiseite, öffnete seinen Laptop und lud die Bilder hoch. Dabei schrieb er in ein Notizbuch – Daten, Bemerkungen, Einzelheiten, die ich nicht lesen konnte.
Sein Handy summte.
Er las die Nachricht und lächelte. Er tippte eine Antwort. Eine weitere Nachricht folgte. Dann hielt er das Display absichtlich zur Kamera – so, dass jeder, der später die Aufnahme ansah, es lesen konnte.
Er handelte nicht allein.
Jemand wusste, was er tat. Jemand verfolgte es mit.
Schließlich verstaute er alles wieder in der schwarzen Tasche. Er machte ein letztes Foto, schaltete die Kamera aus und beugte sich über mich.
„Schlaf gut, Anna“, flüsterte er und küsste mich auf die Stirn.
Seine Stimme klang genau wie die Stimme des Mannes, den ich zu kennen glaubte.
Kurze Zeit später hörte ich die Haustür zufallen. Es war fast drei Uhr.
Ich wartete, bis das Haus leer schien, dann setzte ich mich so schnell auf, dass der Raum sich drehte. Ich wusste nicht, wohin er gegangen war oder wie viel Zeit ich hatte. Ich wusste nur eines: Nun hatte ich den Beweis, dass Tee, Flecken und diese seltsamen Morgen zusammenhingen.
Ich durchsuchte das Zimmer und fand einen zweiten Laptop in einer verschlossenen Aktentasche unter dem Bett. Das Schloss öffnete sich mit unserem Hochzeitstag. Beim ersten Versuch.
Hunderte von Fotos, geordnet nach Datum. Kein Fehler. Keine Zufall. Eine lückenlose Aufzeichnung.
Meine Hände zitterten, als ich weiterblätterte. Die Daten reichten immer weiter zurück.
Dann legte ich den Laptop auf meine Knie und öffnete den allerletzten Ordner ganz unten…
Der Ordner trug keinen Namen, sondern lediglich ein Datum: *14. November 2021*. Es war die Nacht unseres schwersten Autounfalls, bei dem ich eine Gehirnerschütterung erlitt und tagelang im Krankenhaus lag. Dererick hatte mir damals erzählt, er sei unversehrt geblieben und habe stundenlang an meinem Bett gewacht.
Ich klickte auf den Ordner. Doch darin lagen keine Fotos von mir.
Es waren Aufnahmen eines völlig fremden Raumes. Ein fensterloser Keller mit kargen Betonwänden, beleuchtet von einer einzigen grellen Leuchtstoffröhre. Auf einem Stuhl in der Mitte saß eine junge Frau mit dunkelbraunen Haaren, an den Händen und Füßen mit festen Kabelbindern gefesselt. Ihr Kopf hing leblos nach vorne, ihr Gesicht war von blauen Flecken übersät.
Mir stockte der Atem. Die Flecken an ihren Armen und Beinen sahen exakt so aus wie die, die ich in den letzten Wochen an meinem eigenen Körper entdeckt hatte.
Ich scrollte fieberhaft durch die Dateien. Es gab Videos. Ich klickte mit zitterndem Finger auf das erste.
Das Video zeigte Dererick – in demselben schwarzen Pullover, den er heute trug. Er stand neben der Frau, hielt eine Stoppuhr in der Hand und zeichnete akribisch Notizen in ein Ledernotizbuch. Er sprach nicht mit ihr. Er beobachtete sie nur, veränderte alle paar Minuten ihre Haltung, hob ein Bein, drehte ihren Kopf, genau wie er es kurz zuvor bei mir getan hatte. Am unteren Bildrand lief eine Zeitanzeige.
Dann zoomte die Kamera auf einen Bildschirm im Hintergrund. Dort war eine Chat-Mappe geöffnet. Nachrichten schossen im Sekundentakt über den Monitor:
*„Dosis erhöhen. Reaktion auf Reize prüfen.“*
*„Wie lange hält die Lähmung an?“*
*„Subjekt 1 zeigt motorische Ausfälle. Wechseln Sie zu Subjekt 2.“*
Subjekt 1.
Ein eiskalter Schauer lief mir über den Rücken. Die Frau auf den Fotos war kein Zufallsopfer. Sie war ein Experiment gewesen. Und ich… ich war Subjekt 2.
Dererick war kein Versicherungskaufmann. Der Mann, mit dem ich seit vier Jahren verheiratet war, der mir jeden Morgen liebevoll den Kaffee kochte und mich tröstete, wenn ich mich unwohl fühlte, nutzte mich als menschliches Versuchskarnickel. Er testete ein lähmendes, sedierendes Mittel an mir – ein Nervengift, das Erinnerungslücken hinterließ und Muskelkontraktionen verursachte. Deshalb die blassen Flecken. Es waren Gewebeschäden durch mikrofeine Injektionen oder extreme Hautreaktionen auf den Stoff.
Plötzlich erhellte eine neue E-Mail-Benachrichtigung die obere Ecke des Bildschirms. Sie stammte von einer anonymen Adresse: *„Auszahlung für Tranche 14 bestätigt. Bereiten Sie Subjekt 2 für die finale Phase vor. Übergabe am Samstag.“*
Finale Phase. Übergabe.
Mein Verstand schrie mich an zu rennen. Sie verkauften mich. Oder noch schlimmer: Sie testeten das Mittel so lange, bis mein Körper aufhörte zu atmen, genau wie bei der Frau auf den alten Bildern, von der es ab dem 18. November keine Aufnahmen mehr gab.
In diesem Moment knarrte im Erdgeschoss die Haustür.
Ein harter Schlag traf meine Brust. Dererick war zurück. Er war nicht lange weg gewesen – vermutlich hatte er nur etwas aus seinem Wagen geholt oder die Probe zum Treffpunkt gebracht.
Panik flutete meine Adern. Ich durfte nicht zeigen, dass ich Bescheid wusste. Wenn er merkte, dass ich wach war und seine Dateien gesehen hatte, würde er nicht mehr bis Samstag warten.
Ich klappte den Laptop leise, aber schnell zu. Ich schob die Aktentasche wieder exakt an den Platz unter dem Bett, an dem sie gelegen hatte. Meine Finger zitterten so stark, dass ich den Reißverschluss kaum zubekam.
Ich hörte seine Schritte auf der Holztreppe. Langsam. Bedächtig. Stufe für Stufe.
Ich warf mich zurück ins Bett, zog die Bettdecke bis zum Kinn und schloss die Augen. Ich versuchte, meinen Atem zu kontrollieren. *Einatmen. Ausatmen. Langsam. Gleichmäßig.*
Die Tür zum Schlafzimmer öffnete sich mit einem leisen Knirschen.
Ich spürte seine Gegenwart, noch bevor ich seine Schritte hörte. Er trat an meine Bettseite. Die Luft im Raum roch nach der kalten Nachtluft von draußen und einem stechenden, chemischen Geruch, den er mitgebracht hatte.
Er blieb stehen. Sekunde um Sekunde verstrich. Das Schweigen war zerschneidend. Ich betete, dass er das Rasen meines Herzens nicht hören konnte.
Plötzlich spürte ich seine Hand auf meiner Wange. Seine Fingerspitzen waren eiskalt. Er strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
„Du bist so wunderschön, wenn du hilflos bist, Anna“, flüsterte er. Seine Stimme war vollkommen ruhig, fast liebkosend, doch sie schickte eine Welle des Entsetzens durch meinen Körper. „Schade, dass wir fast am Ende sind.“
Er beugte sich hinab, küsste mich erneut auf die Schläfe und wandte sich ab. Ich hörte, wie er ins Badezimmer ging und das Wasser aufdrehte. Er wusch sich die Hände.
Ich wartete nicht, bis er zurückkam.
Sobald die Badezimmertür geschlossen war und das Geräusch des fließenden Wassers die Umgebungsgeräusche überdeckte, glitt ich geräuschlos aus dem Bett. Ich verzichtete auf meine Schuhe, um keinen Laut auf dem Parkett zu machen.
Ich griff nach meinem Handy, das auf dem Nachttisch lag, und schlich auf den Flur. Ich wusste, dass ich nicht durch die Haustür gehen konnte – der Schlüssel lag unten auf der Kommode, und das Schloss war laut.
Stattdessen steuerte ich das Arbeitszimmer am Ende des Flurs an. Dort gab es ein Fenster zur Garage, unter dem ein altes Regenfass stand. Als Kind war ich oft aus solchen Fenstern geklettert; jetzt hing mein Leben davon ab.
Ich schloss die Arbeitszimmertür hinter mir und drehte den Schlüssel so leise wie möglich im Schloss um. Dann trat ich an den Schreibtisch, griff nach einem Notizbuch und einem Stift. Falls die Polizei meinen Schilderungen nicht glauben würde, brauchte ich den Laptop. Ich schnappte mir die Aktentasche, die Dererick immer im Arbeitszimmer aufbewahrte, wenn er nicht daran arbeitete – doch sie war weg. Er hatte sie natürlich mit ins Schlafzimmer genommen.
Keine Zeit. Ich musste jetzt hier raus.
Ich öffnete das Fenster vorsichtig. Die kalte Nachtluft schlug mir entgegen. Ich stieg auf die Fensterbank, schaute hinunter in die Dunkelheit und stützte mich an der Dachrinne ab.
Plötzlich rüttelte jemand gewaltsam an der Türklinke des Arbeitszimmers.
„Anna?“, rief Derericks Stimme von draußen. Der Tonfall war nicht mehr liebevoll. Er war hart, scharf und alarmiert. „Anna, mach die Tür auf!“
Er schlug gegen das Holz.
Ich sah nicht mehr zurück. Ich sprang.
Der Aufprall auf dem Deckel des Regenfasses war hart und raubte mir für einen kurzen Moment den Atem. Der Kunststoff gab nach, ich geriet ins Straucheln und stürzte in den feuchten Rasen unseres Vorgartens. Schmerz schoss durch meinen linken Knöchel, aber das Adrenalin übertäubte alles.
Hinter mir hörte ich das Splittern von Holz. Er hatte die Tür aufgebrochen.
„Anna!“, brüllte er aus dem offenen Fenster im ersten Stock. Seine Gestalt zeichnete sich als dunkler Schatten gegen das Licht des Flurs ab.
Ich stieß mich vom Boden ab und rannte. Ich ignorierte den stechenden Schmerz im Fuß, rannte barfuß über den kalten Asphalt der verlassenen Wohnstraße, die Hand fest um mein Smartphone geklammert. Die Häuser unserer Nachbarn waren dunkel, tot, stumm. Ich konnte mich an niemanden wenden – wer wusste schon, wer in dieser Stadt noch in Derericks Machenschaften verstrickt war?
Ich bog um die nächste Ecke, versteckte mich hinter den dichten Hecken eines Nachbargartens und sank zitternd auf die Knie. Mein Atem ging stoßweise, weißer Dampf stieg in der nächtlichen Kälte auf.
Mit zitternden Fingern wählte ich die Notrufnummer.
*„Notruf, was ist Ihr Notfall?“*, ertönte eine ruhige Stimme am anderen Ende.
„Bitte… helfen Sie mir“, keuchte ich, während ich den Blick verzweifelt über die dunkle Straße schweifen ließ. „Mein Mann… er vergiftet mich. Er filmt mich. Er hat jemanden getötet.“
*„Beruhigen Sie sich, Ma’am. Wo befinden Sie sich?“*
Bevor ich antworten konnte, erhellten zwei grelle Scheinwerfer die Straße. Ein schwarzer SUV bog langsam um die Ecke. Er fuhr im Schritttempo. Das Fenster der Fahrerseite war heruntergelassen.
Es war nicht Derericks Wagen.
Der Wagen hielt genau auf der Höhe der Hecke, hinter der ich kauerte. Das Display meines Handys leuchtete hell auf, als eine Textnachricht von einer unbekannten Nummer eingegeben wurde:
*„Wir wissen, dass du wach bist, Anna. Dererick hat seinen Job erledigt. Jetzt bist du bei uns.“*
Die Autotür öffnete sich. Zweier Männer in dunklen Mänteln stiegen aus. Einer von ihnen hielt eine kleine, schwarze Tasche in der Hand – genau dieselbe Tasche, die Dererick vor wenigen Stunden neben mein Bett gestellt hatte.
Ich drückte mich tiefer in den Schatten des Gebüschs, hielt mir die Hand vor den Mund, um meine Schreie zu ersticken, und begriff die entsetzliche Wahrheit: Dererick war nur das Werkzeug gewesen. Das Netzwerk war viel größer, als ich es mir je hätte vorstellen können. Und die Jagd auf mich hatte gerade erst begonnen.